Schäferhunde – viel zu oft verkannt
Für mich gehören Schäferhunde zu den am häufigsten falsch eingeschätzten Hunden überhaupt.
Kaum eine andere Hundegruppe wird von vielen Menschen so sehr mit Funktionieren verbunden.
Hundeplatz. Gehorsam. Schutzdienst. Wachhund. Arbeitslinie. Leistung. Disziplin.
Ein Schäferhund muss hören. Er muss arbeiten. Er muss belastbar sein. Und funktioniert er nicht, müsse man eben „härter durchgreifen“.
Über Generationen wurden Schäferhunde für ganz bestimmte Aufgaben gezüchtet und eingesetzt. Sie bewachen, schützen, suchen, dienen und leisten.
Und für manche Menschen scheint selbst ihr Äußeres bestimmten Vorstellungen entsprechen zu müssen. Dabei besitzt auch der Schäferhund mit dem süßen Knickohr nicht weniger Würde als derjenige, der einem vermeintlichen Idealbild entspricht.
Und dann sitzen sie im Zwinger
Ich habe im Tierschutz viele Hunde im Zwinger erlebt.
Und meine ganz persönliche Erfahrung ist, dass es sehr häufig gerade die Schäferhunde waren, die unter der Einsamkeit und dieser Form der Unterbringung besonders gelitten haben.
Manche fuhren immer weiter hoch. Manche kreisten, entwickelten stereotype Verhaltensweisen oder verletzten sich selbst. Andere wurden irgendwann stiller und schienen sich immer mehr zurückzuziehen.
Natürlich reagiert nicht jeder Schäferhund so und solche Verhaltensweisen können unterschiedliche Ursachen haben.
Aber ich habe Schäferhunde erlebt, bei denen man beinahe zusehen konnte, wie sehr ihnen diese Situation zusetzte.
Und selbst das möchten manche Menschen nicht wahrhaben.
Vielleicht weil es wieder nicht zu dem Bild passt, das sie vom Schäferhund haben.
Er soll stark sein. Souverän. Belastbar. Kontrollierbar. Fast ein bisschen perfekt.
Dass ausgerechnet dieser Hund unter Einsamkeit leiden, verzweifeln oder mit einer Situation nicht mehr zurechtkommen könnte, passt schlecht zu dieser Vorstellung.
Dabei können gerade hinter dieser Stärke unglaublich sensible Hunde stecken.
Vielleicht sollten Schäferhunde öfter anders gesehen werden
Schäferhunde sind nicht nur Arbeits- oder Gebrauchshunde.
Sie sind Persönlichkeiten.
Schlau. Liebevoll. Mutig. Sensibel. Loyal. Manchmal herrlich albern und witzig.
Und für mich besitzen viele von ihnen etwas ganz Besonderes.
Eine unglaubliche Würde.
Vielleicht berühren mich Schäferhunde gerade deshalb so sehr.
Weil Menschen über Generationen so viel von ihnen verlangt haben – und teilweise noch immer verlangen.
Weil ihre Leistungsfähigkeit bewundert wird und dabei viel zu oft vergessen wird, dass hinter all dem Gehorsam, der Stärke und dem Mut immer noch eines steckt:
Ein Hund.
Einer, der nicht nur funktionieren möchte.
Sondern fühlen darf. Vertrauen darf. Spielen darf. Blödsinn machen darf. Nähe suchen darf. Geliebt werden darf.
Ein Hund, dessen Wert niemals davon abhängen sollte, was er für Menschen leisten kann.
Und vielleicht beginnt echte Wertschätzung genau dort, wo ein Schäferhund nicht mehr zuerst danach beurteilt wird, was er kann und was er leistet – sondern danach, wer er ist.