
Episodic-like memory
Lange Zeit hieß es, Hunde lebten ausschließlich im Hier und Jetzt. Sie hätten keine Erinnerungen an Vergangenes und auch keine Vorstellungen von der Zukunft. Diese Vorstellung hat etwas Romantisches – als ob Hunde frei von Sorgen und Grübeleien wären. Doch die moderne Forschung zeigt, dass dies so nicht stimmt.
Studien der letzten Jahre konnten nachweisen, dass Hunde über ein sogenanntes „episodic-like memory“ verfügen.
Damit ist eine Form von Gedächtnis gemeint, die es ihnen erlaubt, konkrete Ereignisse abzuspeichern, auch wenn sie diese nicht bewusst einstudiert haben.
Ein bekanntes Experiment der ungarischen Forscherin Claudia Fugazza (2016) zeigte, dass Hunde in der Lage waren, Handlungen nachzuahmen, die ihnen ihre Halter gezeigt hatten – selbst wenn sie völlig unerwartet dazu aufgefordert wurden. Und sie konnten dies nicht nur direkt im Anschluss, sondern auch noch Minuten oder sogar eine Stunde später. Das spricht klar dafür, dass Hunde bestimmte Erlebnisse „abrufen“ können, ähnlich wie wir Menschen.
Noch spannender ist die Frage, wie lange Erinnerungen halten.
Besonders sprachbegabte Hunde, die viele Spielzeuge beim Namen kennen, konnten in Versuchen die Bezeichnungen auch noch zwei Jahre später korrekt zuordnen. Solche Ergebnisse widerlegen den Mythos, Hunde hätten nur ein sehr kurzes Gedächtnis.
Auch im Alltag erleben Halter, dass Hunde auf Erinnerungen zurückgreifen. Ein Hund, der einmal auf einem bestimmten Weg einen Schreck erlebt hat, wird diesen Ort später meiden. Ein Tier, das gute Erfahrungen mit einer bestimmten Person gemacht hat, zeigt freudige Erwartung, sobald es sie wiedererkennt. Hier geht es nicht nur um reine Konditionierung, sondern um abgespeicherte Erfahrungen, die zu Entscheidungen führen.
Darüber hinaus gibt es Hinweise, dass Hunde auch Erwartungen an die Zukunft entwickeln. Schon das Ritual, wenn die Leine vom Haken genommen wird, löst Vorfreude auf den Spaziergang aus. Ebenso spüren Hunde, wenn ihre Bezugsperson das Haus verlässt, und zeigen Trauer oder Unruhe – ein Verhalten, das nicht erklärbar wäre, wenn sie wirklich ausschließlich im Moment lebten.
Natürlich ist das Erleben von Hunden nicht identisch mit unserem. Sie grübeln weniger, sie planen nicht in komplexen Zeiträumen, und sie haben sicher kein „Zukunftsbild“ wie wir Menschen. Aber sie sind keine reinen Augenblickswesen. Sie tragen Erinnerungen mit sich, entwickeln Erwartungen und lassen sich von Erfahrungen leiten.
Für den Umgang mit Hunden – ob in Erziehung, Therapie oder beim Zusammenleben – ist dieses Wissen entscheidend.
Ein Hund vergisst nicht einfach, wenn man ihn schlecht behandelt, genauso wie er sich an liebevolle Gesten erinnert. Und wer einmal erlebt hat, wie stark die Bindung eines Hundes zu einem Menschen über lange Trennungen hinweg bestehen bleibt, weiß, dass Hunde nicht nur im Hier und Jetzt leben, sondern tief in Vergangenheit und Zukunft verankert sind.
Vielleicht sollten wir den Satz also umformulieren: Hunde können den Moment genießen wie kaum ein anderes Lebewesen. Aber sie sind gleichzeitig in der Lage, Erinnerungen zu bewahren und Erwartungen zu entwickeln. Und genau das macht ihre emotionale Welt so reich und ihre Bindung zu uns so einzigartig.