Yakamoz
Yakamoz ist ein kleiner schwarz-weißer Kater.
Vermutlich durch einen Revier-, Ressourcen- oder Überlebenskampf hatte er sich eine Verletzung zugezogen, aus der sich ein großer Abszess oberhalb seines Auges entwickelt hatte.
Dieser muss ihm erhebliche Schmerzen bereitet haben. Und wahrscheinlich begann damit ein Kreislauf, der für ein Tier auf der Straße schnell lebensbedrohlich werden kann.
Denn wer krank ist, zieht sich zurück.
Wer Schmerzen hat, geht nicht mehr selbstverständlich hinaus. Er sitzt nicht vor Restaurants und wartet darauf, dass etwas abfällt. Er schmiegt sich nicht an die Beine von Touristen. Er kämpft nicht mit den vielen anderen Katzen um Futter und Aufmerksamkeit.
Und während die Kräfte schwinden, wird der Hunger größer.
In der Nacht nach seinem plötzlichen Auftauchen platzte Yakamoz' Abszess.
Er blutete unglaublich stark.
Wir wussten zu diesem Zeitpunkt noch nicht, dass es sich um einen Abszess handelte. Das Blut lief permanent über sein Auge, sodass es für uns zunächst aussah, als würde das Auge selbst bluten.
Yakamoz versuchte immer wieder, sich mit seiner Pfote das Blut aus dem Gesicht zu wischen. Irgendwann waren seine Pfoten, sein Gesicht und sein Fell voller Blut.
Ein kleines Kerlchen, das verzweifelt versuchte, sich irgendwie selbst zu helfen.
Wir packten ihn so gut es ging ein und fuhren mit ihm zum Tierarzt.
Die Fahrt war alles andere als einfach. Yakamoz war krank, verängstigt, nervös und völlig überfordert mit der Situation.
Und wir ehrlich gesagt auch.
Beim Tierarzt erfuhren wir schließlich, dass nicht sein Auge die Ursache der Blutung war, sondern der aufgeplatzte Abszess darüber. Yakamoz wurde untersucht und behandelt und bekam unter anderem Antibiotika und Schmerzmittel.
Wir ließen ihn für drei Tage in der Klinik.
Drei Tage, in denen er behandelt und beobachtet werden konnte. Drei Tage, in denen er zur Ruhe kommen konnte und nicht um Futter, einen Schlafplatz oder seine Sicherheit kämpfen musste.
Dann holten wir ihn wieder ab.
Und da saß plötzlich ein ganz anderer kleiner Kater vor uns.
Es ging ihm deutlich besser. Zum Glück.
Und er freute sich unglaublich.
Anschließend konnte Yakamoz zurück in seine vertraute Umgebung und zu den anderen Katzen.
Warum habt ihr ihn nicht mitgenommen?
Vielleicht stellt sich jetzt mancher genau diese Frage.
Natürlich haben wir darüber nachgedacht. Wenn man ein Tier begleitet, sich sorgt und hofft und es einem dann wieder deutlich besser entgegenkommt, fällt es schwer, einfach Abschied zu nehmen.
Aber helfen bedeutet nicht automatisch, ein Tier mitzunehmen.
Yakamoz war kein ausgesetzter Wohnungskater, der plötzlich allein auf einer fremden Straße saß. Er kannte seine Umgebung, lebte dort mit anderen Katzen und hatte dort sein bisheriges Leben verbracht.
Ihn nach wenigen Tagen aus allem Vertrauten herauszureißen, in eine Transportbox zu setzen, in ein Flugzeug zu bringen und anschließend in ein vollkommen anderes Leben zu verpflanzen, wäre nicht automatisch die bessere Entscheidung gewesen – nur weil sie sich für uns vielleicht besser angefühlt hätte.
Hinzu kommt: Ein Tier spontan aus einem Urlaubsland mitzunehmen, ist auch rechtlich und organisatorisch nicht einfach möglich. Guter Wille allein ersetzt weder notwendige tierärztliche Voraussetzungen noch Einreisebestimmungen und Vorbereitungszeit.
Und schließlich gibt es noch eine unbequeme Wahrheit:
Wir können nicht jedes Tier, dem wir helfen, zu unserem eigenen machen.
Yakamoz brauchte in diesem Moment vor allem eines, medizinische Hilfe.
Die hat er bekommen.
Danach konnte er dorthin zurück, wo er sich auskannte und wo seine Katzengruppe lebte.
Ob es leicht war, ihn dort zurückzulassen?
Nein.
Überhaupt nicht.
Aber vielleicht gehört auch das zu verantwortungsvoller Tierliebe: nicht nur danach zu fragen, was wir Menschen uns wünschen, sondern danach, was für das jeweilige Tier in seiner konkreten Situation vertretbar ist.
Und genau deshalb wünsche ich mir Strukturen, die dafür sorgen, dass Katzen wie Yakamoz auch nach unserer Abreise nicht wieder völlig auf sich allein gestellt sind.
Denn Yakamoz ist nur einer von vielen.
Und genau das beschäftigt mich bis heute.
Dieses unvorstellbare Leid so vieler Tiere macht mich wütend und gleichzeitig hilflos.
Wer in südliche Länder reist, kennt diese Bilder. Katzen vor Hotels, Restaurants und Ferienanlagen. Sie liegen auf Mauern und Terrassen, streichen Touristen um die Beine und gehören scheinbar ganz selbstverständlich zum Straßenbild.
„Oh, wie süß.“
Solange sie gesund aussehen, solange sie nicht stören und solange Touristen da sind, gehören sie irgendwie zur Urlaubskulisse.
Doch ihr tatsächliches Leben hat mit dieser romantischen Vorstellung wenig zu tun.
Für viele ist jeder Tag ein Überlebenskampf um Futter, Wasser, sichere Schlafplätze und Reviere. Sie leiden unter Parasiten, Infektionen, Verletzungen und Krankheiten. Unkastrierte Tiere vermehren sich immer weiter und bringen die nächste Generation hervor, die in genau dasselbe heimatlose Leben hineingeboren wird.
Und ein großer Teil dieses Leids bleibt unsichtbar.
Eine Katze mit einer offensichtlichen Verletzung sehen wir. Eine humpelnde Katze fällt uns auf.
Aber was ist mit der Katze, die sich krank irgendwo zurückzieht?
Mit der, die Schmerzen hat, aber noch irgendwie funktioniert?
Mit dem schwachen Tier, das sich nicht gegen die anderen durchsetzen kann?
Mit den Kitten, die irgendwo geboren werden und sterben, bevor sie überhaupt jemand zu Gesicht bekommt?
Besonders widersprüchlich wird es dort, wo Tiere einerseits zur Urlaubskulisse gehören und andererseits überall Regeln gelten:
Nicht füttern. Nicht ins Hotel lassen. Hier keine Katzen.
Natürlich braucht es Regeln und Hygiene.
Aber dann muss die entscheidende Frage erlaubt sein:
Wer übernimmt stattdessen die Verantwortung?
Wer sorgt für kontrollierte Futterstellen und sauberes Wasser?
Wer kastriert?
Wer kontrolliert den Gesundheitszustand?
Wer bringt eine verletzte Katze zum Tierarzt?
Wer kümmert sich, wenn die Touristen abgereist sind und die Saison vorbei ist?
Viel zu oft lautet die Antwort:
Niemand.
Ein paar Tierschützer, engagierte Einheimische oder Touristen versuchen aufzufangen, was eigentlich strukturell geregelt werden müsste. Sie füttern, sammeln Tiere ein, bezahlen Tierärzte, organisieren Kastrationen und versuchen, einzelne Leben zu retten.
Aber private Tierliebe kann nicht dauerhaft das ersetzen, wofür Länder, Städte, Gemeinden und letztlich ganze Gesellschaften Verantwortung übernehmen müssten.
Es bräuchte konsequente und langfristige Kastrationsprogramme, betreute Futter- und Wasserstellen, Kontrollen, medizinische Versorgung und notwendige Impfungen.
Und es bräuchte Unterstützung für diejenigen, die genau diese Arbeit bereits leisten.
Tierschützer sollten unterstützt werden, statt ihnen Steine in den Weg zu legen oder sie sogar anzufeinden.
Dabei sollten wir allerdings keinesfalls selbstgerecht mit dem Finger ausschließlich auf südliche Länder zeigen.
Auch bei uns in Deutschland werden Tierschutzvereine und Privatpersonen viel zu häufig mit solchen Problemen alleingelassen. Auch hier gibt es Streunerkatzen, unkontrollierte Vermehrung, hohe Tierarztkosten und immer wieder die Frage, wer eigentlich zuständig ist.
Das Ausmaß und die Sichtbarkeit mögen unterschiedlich sein.
Das Grundproblem bleibt dasselbe.
Das Schicksal eines Tieres hängt viel zu oft davon ab, ob zufällig ein Mensch hinsieht und bereit ist, Verantwortung zu übernehmen.
Und gleichzeitig werden immer weiter Tiere gezüchtet und vermehrt.
Auch das ist für mich schwer nachvollziehbar.
Auf der einen Seite existieren unzählige Katzen und Hunde, für die niemand Verantwortung übernehmen möchte. Tierheime und Tierschutzorganisationen kämpfen um Plätze und Geld, Ehrenamtliche sammeln Spenden und Privatpersonen bezahlen Behandlungen aus eigener Tasche.
Auf der anderen Seite werden weiterhin gezielt neue Tiere produziert.
Warum gibt es nicht wesentlich strengere Regeln für Zucht und Vermehrung?
Warum investieren wir nicht konsequent in Kastration, Registrierung und medizinische Grundversorgung?
Warum akzeptieren wir, dass immer neue Tiere geboren werden, während bereits existierende Tiere auf der Straße um Futter, Sicherheit und manchmal schlicht um ihr Leben kämpfen?
Kein Streuner hat sich ausgesucht, ein Streuner zu sein.
Keine Katze entscheidet sich für ein heimatloses Leben, für Hunger, Krankheiten, Revierkämpfe und dafür, bei einer Verletzung auf sich allein gestellt zu sein.
Manche wurden ausgesetzt.
Andere wurden bereits auf der Straße geboren – als Nachkommen von Tieren, für die irgendwann einmal niemand Verantwortung übernommen hat.
Und so setzt sich der Kreislauf immer weiter fort.
Warum ich Yakamoz' Geschichte erzähle
Ich schreibe diese Geschichte nicht, um uns dafür auf die Schulter zu klopfen, dass wir Yakamoz geholfen haben.
Und ich schreibe sie auch nicht, um Komplimente dafür zu bekommen.
Ich schreibe sie für Yakamoz.
Weil er es verdient hat.
Weil sein Leben etwas wert ist.
Und weil dieser kleine schwarz-weiße Kater mein Herz unglaublich berührt hat.
Ich schreibe sie aber auch, weil es wie eine Last auf meiner Seele liegt, dieses Leid zu sehen. Im Ausland, bei uns und überall dort, wo Tiere sich selbst überlassen werden und niemand sich zuständig fühlt.
Vielleicht schreibe ich sie auch aus einer gewissen Hilflosigkeit heraus.
Denn natürlich können wir nicht alle retten.
Wir können nicht jede Straßenkatze zum Tierarzt bringen, nicht jedes Tier aufnehmen und nicht im Alleingang das lösen, wofür eigentlich Verantwortliche und funktionierende Strukturen notwendig wären.
Aber „Wir können nicht alle retten“ darf niemals bedeuten: „Dann helfe ich keinem.“
Jeder kann dort etwas tun, wo er mit Tierleid konfrontiert wird – im Rahmen seiner eigenen Möglichkeiten.
Manchmal bedeutet das, ein Tier aufzunehmen.
Manchmal bedeutet es, eine Tierschutzorganisation zu informieren oder zu unterstützen.
Manchmal bedeutet es, Futter und Wasser bereitzustellen.
Und manchmal bedeutet es einfach, ein verletztes Tier einzupacken und zum Tierarzt zu bringen.
Yakamoz hatte in diesem Moment Glück.
Nicht, weil wir etwas Besonderes getan haben.
Sondern schlicht deshalb, weil jemand hingesehen und gehandelt hat.
Besitzlos darf nicht bedeutungslos heißen.
Und heimatlos zu sein ist keine Entscheidung dieser Tiere.
Genau deshalb erzähle ich Yakamoz' Geschichte.
In der Hoffnung, dass sie vielleicht einem Menschen Mut macht, beim nächsten Mal ebenfalls nicht vorbeizugehen.
Man muss nicht die ganze Welt retten.
Manchmal sitzt die Welt, die gerade gerettet werden muss, einfach nur krank und hilflos vor einem Apartment.
An diesem Tag hieß sie Yakamoz❤️