Was darf mein Hund eigentlich selbst entscheiden?
Wann gibt es Frühstück?
Wann gehen wir spazieren?
Welche Strecke laufen wir?
Wann geht es wieder nach Hause?
Mit wem darf Kontakt aufgenommen werden?
Wann wird gespielt – und wann ist Schluss?
Wo darf geschlafen werden?
Wir entscheiden ziemlich viel im Leben unserer Hunde.
Das ist zunächst einmal völlig normal. Ein Hund lebt in unserer menschlichen Welt und wir tragen die Verantwortung für ihn. Natürlich können wir ihm nicht jede Entscheidung selbst überlassen.
Aber vielleicht lohnt sich trotzdem einmal die Frage, was darf mein Hund eigentlich selbst entscheiden?
Ein Alltag voller Entscheidungen – unserer Entscheidungen
Wir öffnen die Haustür und bestimmen die Richtung.
Der Hund bleibt an einer interessanten Stelle stehen und schnüffelt, wir rufen: "komm, weiter.“
Er möchte zu einem Weg abbiegen- "nein, wir gehen hier lang.“
Zu Hause kommt er zu uns. Wir streicheln ihn, - er dreht den Kopf weg – und wir kraulen einfach weiter.
Viele dieser Situationen sind vollkommen alltäglich. Keine davon macht uns zu schlechten Hundehaltern.
Aber in ihrer Summe zeigen sie etwas Interessantes.
Wie selbstverständlich wir darüber bestimmen, was unser Hund wann tun soll.
Selbstbestimmung bedeutet nicht: Mein Hund darf alles
Natürlich braucht ein Zusammenleben Regeln.
Ein Hund kann nicht selbst entscheiden, einer Katze über die Straße hinterherzulaufen. Er kann nicht grundsätzlich bestimmen, wann er gefüttert wird oder ob ein notwendiger Tierarztbesuch heute in seinen Terminkalender passt.
Verantwortung bedeutet manchmal auch, Entscheidungen für ein Tier zu treffen, die es selbst gerade anders treffen würde.
Selbstbestimmung bedeutet deshalb nicht, sämtliche Grenzen abzuschaffen.
Es bedeutet vielmehr folgendes zu überlegen:
Wo muss ich entscheiden – und wo entscheide ich eigentlich nur aus Gewohnheit?
Manchmal ist Entscheiden auch Fürsorge
Und es gibt Hunde, für die es besonders wichtig ist, dass wir bestimmte Entscheidungen übernehmen.
Ein unsicherer Hund kann beispielsweise davon profitieren, wenn sein Mensch Situationen verlässlich einschätzt und ihm Orientierung gibt.
Ein Hund, der bei bestimmten Reizen sehr schnell hochfährt, braucht vielleicht Unterstützung dabei, Abstand zu halten – obwohl er selbst in diesem Moment unbedingt näher heran möchte.
Andere Hunde würden sich körperlich übernehmen, jedem Wildgeruch folgen oder Kontakte eingehen, mit denen sie anschließend nicht gut zurechtkommen.
Auch Alter, gesundheitliche Einschränkungen, bisherige Erfahrungen und die individuelle Persönlichkeit spielen eine Rolle.
Selbstbestimmung bedeutet deshalb nicht, einen Hund mit möglichst vielen Entscheidungen allein zu lassen.
Manchmal besteht Fürsorge gerade darin, eine Entscheidung für ihn zu treffen.
Die spannende Frage ist also nicht, ob wir entscheiden dürfen. Sondern:
Wo braucht mein Hund meine Führung und Unterstützung – und wo könnte er durchaus selbst entscheiden, wenn ich ihn ließe?
Kleine Entscheidungen können einen Unterschied machen
Vielleicht darf der Hund beim Spaziergang gelegentlich entscheiden, ob es links oder rechts weitergeht.
Vielleicht darf er an einem Geruch länger verweilen, obwohl wir ihn längst uninteressant finden.
Vielleicht fragen wir uns beim Streicheln einmal nicht, ob wir gerade Lust auf Nähe haben, sondern ob unser Hund sie ebenfalls sucht.
Vielleicht darf er entscheiden, ob er einen fremden Menschen begrüßen möchte.
Oder ob er lieber Abstand hält.
Das klingt nach Kleinigkeiten.
Aber genau aus diesen Kleinigkeiten besteht ein großer Teil seines Alltags.
Auch ein „Nein“ ist eine Information
Besonders interessant wird Selbstbestimmung dort, wo unser Hund eine andere Entscheidung trifft als wir.
Er geht weg, wenn wir ihn streicheln.
Er möchte nicht mit einem fremden Hund spielen.
Er entscheidet sich gegen die angebotene Beschäftigung.
Müssen wir daraus immer ein Problem machen?
Natürlich gibt es Situationen, in denen ein Hund etwas trotzdem tun muss.
Aber nicht jedes „Nein“ unseres Hundes muss automatisch zu einem „Doch“ von uns werden.
Manchmal dürfen wir es einfach als Information verstehen.
Ein kleiner Selbstversuch
Vielleicht beobachtest du deinen nächsten gemeinsamen Tag einmal unter einem ganz anderen Gesichtspunkt.
Nicht:
War mein Hund heute genug beschäftigt?
Hat er gut gehört?
Haben wir ausreichend trainiert?
Sondern:
Welche Entscheidungen durfte mein Hund heute selbst treffen?
Und vielleicht noch wichtiger:, welche Entscheidungen habe ich ihm abgenommen – und warum?
Es geht nicht darum, Verantwortung abzugeben oder einen Hund mit Entscheidungen allein zu lassen, die er nicht gut treffen kann.
Es geht darum, unseren eigenen Umgang bewusster wahrzunehmen.
Zu unterscheiden zwischen den Entscheidungen, die wir für unseren Hund treffen müssen, denen, bei denen er unsere Unterstützung braucht – und denen, die wir vielleicht einfach nur deshalb treffen, weil wir es immer so gemacht haben.
Denn ein gutes Zusammenleben besteht nicht nur daraus, dass unser Hund lernt, sich an uns zu orientieren.
Vielleicht dürfen auch wir gelegentlich lernen, uns an ihm zu orientieren.