Beschäftigung ist nicht dasselbe wie Auslastung
Schnüffelteppich. Intelligenzspielzeug. Suchspiele. Tricktraining. Dummyarbeit. Mantrailing. Hundesport.
Die Möglichkeiten, einen Hund zu beschäftigen, sind heute riesig.
Und dahinter steckt meistens ein guter Gedanke.
Mein Hund soll ein erfülltes Leben haben.
Doch irgendwann ist aus diesem Gedanken bei vielen Hundehaltern noch etwas anderes geworden.
Mein Hund muss ausgelastet werden.
Am besten körperlich und geistig. Jeden Tag. Schließlich soll er sich nicht langweilen.
Aber braucht ein zufriedener Hund tatsächlich möglichst viel Beschäftigung?
Nein.
Denn Beschäftigung ist nicht automatisch bedürfnisgerecht – und ein müder Hund ist nicht automatisch ein zufriedener Hund.
Was bedeutet „Auslastung“ überhaupt?
Der Begriff wird im Hundealltag häufig verwendet, ist aber erstaunlich unscharf.
Oft verstehen wir darunter Aktivitäten, nach denen der Hund körperlich oder geistig müde ist.
Genau hier lohnt sich ein genauerer Blick.
Denn für das Wohlbefinden eines Hundes ist nicht entscheidend, ob wir möglichst viele Aktivitäten in seinen Tag packen.
Entscheidend ist vielmehr, ob seine individuellen Bedürfnisse berücksichtigt werden.
Dazu können Bewegung und Beschäftigung gehören.
Aber genauso wichtig sind Schlaf und Erholung, soziale Nähe, Sicherheit, Möglichkeiten zum Erkunden, Schnüffeln, selbstbestimmtes Verhalten und – je nach Hund – unterschiedliche Formen gemeinsamer Aktivität.
Ein guter Hundealltag besteht deshalb nicht aus möglichst viel Programm.
Er besteht aus einem passenden Verhältnis zwischen Aktivität, Bedürfnisbefriedigung und Erholung.
Auch „Kopfarbeit“ ist Belastung
„Dann mache ich eben etwas für den Kopf.“
Auch diesen Satz hört man häufig.
Dabei wird geistige Beschäftigung manchmal behandelt, als könne man davon praktisch nicht zu viel anbieten.
Doch auch Konzentration, Lernen und Problemlösen beanspruchen einen Hund.
Das ist zunächst überhaupt nichts Negatives.
Training kann Spaß machen. Suchaufgaben können großartig sein. Viele Hunde lieben gemeinsame Aufgaben und profitieren davon.
Aber auch positive Aktivität erzeugt Erregung und benötigt anschließend Verarbeitung und Erholung.
Deshalb ist nicht nur wichtig, was wir mit unserem Hund machen.
Sondern auch:
Wie häufig?
Wie lange?
Mit welchem Erregungsniveau?
Und wie gut kann dieser Hund danach wieder zur Ruhe kommen?
Müde ist nicht automatisch entspannt
Das ist vielleicht einer der wichtigsten Unterschiede.
Ein Hund kann nach einer Aktivität erschöpft sein und trotzdem innerlich noch hochgefahren.
Das kennt man durchaus auch von uns Menschen.
Nach einem extrem anstrengenden oder aufregenden Tag können wir todmüde sein – und trotzdem nicht abschalten.
Bei Hunden kann es ähnlich sein.
Deshalb ist „Danach schläft er drei Stunden“ allein noch kein Beweis dafür, dass eine Beschäftigung für diesen Hund optimal dosiert war.
Interessanter ist das Gesamtbild.
Kann der Hund nach einer Aktivität wieder herunterfahren?
Wirkt er zufrieden und gelöst?
Oder fordert er immer mehr?
Ist er anschließend unruhig, reizbarer oder ständig auf der Suche nach dem nächsten Ereignis?
Mehr Kondition bedeutet manchmal nur: mehr Kondition
Auch bei körperlicher Bewegung gibt es einen Punkt, der leicht übersehen wird.
Wer mit seinem gesunden Hund regelmäßig zehn Kilometer läuft, trainiert unter anderem dessen körperliche Leistungsfähigkeit.
Das kann wunderbar sein, wenn Hund und Mensch Freude daran haben und die Aktivität zu Alter, Gesundheit und Typ des Hundes passt.
Aber Bewegung nach dem Motto „Ich muss ihn richtig müde bekommen“ kann zu einem Kreislauf werden.
Denn ein trainierter Körper wird leistungsfähiger.
Aus fünf Kilometern werden sieben. Aus sieben werden zehn.
Der Hund kann immer mehr leisten – und braucht deshalb nicht automatisch immer mehr Bewegung, um psychisch ausgeglichen zu sein.
Körperliche Fitness und Wohlbefinden sind nicht dasselbe.
Schnüffeln ist keine Zeitverschwendung
Ein Hund muss auch nicht permanent eine von uns gestellte Aufgabe lösen.
Ein Spaziergang beispielsweise kann schon deshalb wertvoll sein, weil ein Hund seine Umwelt erkunden darf.
Gerüche aufnehmen.
Stehen bleiben.
Eine Spur verfolgen.
Beobachten.
Seinen Weg in einem angemessenen Rahmen mitbestimmen.
Für uns sieht das manchmal nach „Da passiert doch gar nichts“ aus.
Für den Hund passiert dabei sehr viel.
Schnüffeln ist ein zentraler Bestandteil hundlichen Erkundungsverhaltens. Über Gerüche erhält ein Hund Informationen über seine Umwelt, andere Tiere und darüber, was an diesem Ort passiert ist.
Nicht jeder Spaziergang braucht deshalb zusätzlich Aufgaben, Übungen oder Animation.
Manchmal darf ein Spaziergang einfach ein Spaziergang sein.
Und was ist mit Langeweile?
Natürlich ist dauerhafte Unterforderung ebenfalls nicht sinnvoll.
Ein Hund, dessen Alltag fast ausschließlich aus Schlafen, einer kurzen Runde um den Block und ansonsten wenig Umweltkontakt besteht, kann zu wenig Möglichkeiten haben, wichtige Bedürfnisse auszuleben.
Es geht also ausdrücklich nicht darum, Beschäftigung für unnötig zu erklären.
Es geht um die Dosierung.
Und vor allem um den einzelnen Hund.
Ein junger, arbeitsfreudiger Hund kann andere Anforderungen haben als ein alter Hund.
Ein Hund, der für bestimmte Aufgaben gezüchtet wurde, kann große Freude daran haben, entsprechende Verhaltensweisen in geeigneter Form auszuleben.
Ein unsicherer Hund wiederum kann bereits durch einen Spaziergang in einer neuen Umgebung enorm gefordert sein.
Was für den einen kaum der Rede wert ist, kann für den anderen ein ereignisreicher Tag sein.
Muss ich meinen Hund jetzt weniger beschäftigen?
Nicht unbedingt.
Wenn dein Hund seine Aktivitäten liebt, sich gut regulieren kann, ausreichend schläft und insgesamt ausgeglichen wirkt, gibt es keinen Grund, Beschäftigung grundsätzlich zu reduzieren.
Vielleicht lohnt sich aber eine andere Frage.
Statt:
„Was kann ich heute noch mit meinem Hund machen?“
könnten wir uns häufiger fragen:
„Was braucht mein Hund heute?“
Vielleicht ist es gemeinsames Training.
Vielleicht ein langer Spaziergang.
Vielleicht fünf Minuten Nasenarbeit.
Vielleicht Zeit zum Erkunden.
Vielleicht Kontakt zu einem vertrauten Hund.
Und manchmal lautet die Antwort tatsächlich:
Heute braucht er gar kein zusätzliches Programm.
Ein erfülltes Hundeleben muss nicht jeden Tag spektakulär sein
Wir müssen unsere Hunde nicht permanent unterhalten.
Wir dürfen ihnen Angebote machen, mit ihnen lernen, spielen, unterwegs sein und gemeinsam Dinge erleben.
Aber wir dürfen ihnen ebenso zutrauen, einfach einmal nichts zu tun.
Denn auch Ruhe gehört zu einem bedürfnisgerechten Leben.
Vielleicht sollten wir deshalb weniger darüber nachdenken, ob unser Hund heute ausreichend „ausgelastet“ wurde.
Und häufiger darüber, ob sein Alltag insgesamt zu ihm passt.
Denn am Ende geht es nicht darum, einen möglichst müden Hund zu haben.
Es geht darum, einen Hund zu haben, dessen Bedürfnisse wir möglichst gut verstehen.