„Der muss da durch!“ – muss er wirklich?
„Da muss er jetzt durch.“
Ein Satz, den man im Zusammenhang mit Hunden immer wieder hört.
Der Hund hat Angst vor fremden Menschen? Er muss sich daran gewöhnen.
Er möchte nicht in die volle Fußgängerzone? Da muss er eben öfter mit.
Er findet Autofahren schrecklich? Rein ins Auto – irgendwann wird er schon merken, dass nichts passiert.
Und tatsächlich steckt dahinter zunächst ein nachvollziehbarer Gedanke: Ein Hund kann schließlich nicht lernen, mit einer Situation umzugehen, wenn er ihr niemals begegnet.
Aber bedeutet das automatisch, dass er sie einfach aushalten muss?
Zwischen Vermeidung und Überforderung liegt ziemlich viel
Natürlich können wir unseren Tieren nicht jede unangenehme Situation ersparen.
Das wäre weder realistisch noch unbedingt hilfreich.
Ein Hund, der etwas Neues kennenlernt, darf unsicher sein. Er darf kurz zögern, beobachten und überlegen. Lernen findet schließlich nicht ausschließlich dort statt, wo sich alles bereits vertraut und sicher anfühlt.
Problematisch wird es dann, wenn aus einer Herausforderung eine Überforderung wird.
Denn ein Tier, das nur noch versucht, eine Situation irgendwie zu überstehen, lernt nicht zwangsläufig:
„Das ist gar nicht schlimm.“
Es kann genauso gut lernen:
„Ich hatte recht. Diese Situation ist furchtbar – und ich kann ihr nicht entkommen.“
Gewöhnung funktioniert nicht durch bloßes Aushalten
Stellen wir uns einen Hund vor, der Angst vor vielen Menschen hat.
Wir nehmen ihn mit auf einen gut besuchten Wochenmarkt. Er hechelt, läuft dicht hinter uns, erschrickt bei Berührungen, scannt ständig seine Umgebung und nimmt nicht einmal mehr sein Lieblingsleckerchen.
Nach einer Stunde fahren wir nach Hause.
Hat er sich nun an Menschenmengen gewöhnt?
Nicht unbedingt.
Vielleicht war er einfach eine Stunde lang damit beschäftigt, diese Situation auszuhalten.
Das ist ein wichtiger Unterschied.
„Aber irgendwann muss er es doch lernen!“
Ja – manche Dinge sollte ein Tier lernen.
Nur bedeutet Lernen nicht, sofort mit der schwierigsten Variante zu beginnen.
Der Hund, der Menschenmengen problematisch findet, könnte zunächst mit uns am Rand eines ruhigeren Platzes sitzen und Menschen aus größerer Entfernung beobachten.
Vielleicht reichen beim ersten Mal fünf Minuten.
Vielleicht braucht er mehr Abstand.
Vielleicht schafft er beim nächsten Mal schon etwas mehr.
So entsteht die Möglichkeit, eine neue Erfahrung zu machen.
Menschen sind da – und trotzdem fühle ich mich sicher.
Das ist etwas völlig anderes als:
Menschen sind überall – und ich komme hier nicht weg.
Woran erkenne ich, dass es zu viel wird?
Überforderung sieht nicht bei jedem Tier gleich aus.
Manche Hunde werden hektisch und laut. Andere ziehen sich zurück oder frieren regelrecht ein. Manche versuchen zu flüchten, andere gehen nach vorne.
Und wieder andere wirken auf den ersten Blick erstaunlich „brav“.
Genau deshalb lohnt es sich, genauer hinzusehen.
Verändert sich die Körpersprache deutlich?
Kann mein Tier noch auf mich reagieren?
Kann es seine Umgebung erkunden oder ist es nur noch damit beschäftigt, sie zu kontrollieren?
Kann es sich anschließend wieder entspannen?
Und vielleicht die wichtigste Frage:
Wird es mit der Zeit tatsächlich leichter – oder wird mein Tier immer angespannter?
Nicht jedes „Nein“ bedeutet Angst
Genauso wichtig ist aber die andere Seite.
Nicht jedes Zögern bedeutet automatisch, dass wir eine Situation sofort abbrechen müssen.
Manchmal braucht ein Tier einen kleinen Anstoß. Manchmal darf es etwas ausprobieren. Manchmal können wir ihm zutrauen, eine Herausforderung zu bewältigen.
Die Kunst besteht darin, nicht nur die Situation zu beurteilen, sondern das Tier darin.
Denn zwischen „Ich möchte gerade nicht“ und „Ich kann gerade nicht“ liegt ein großer Unterschied.
Unterstützung statt Durchhalten
Unser Ziel sollte nicht sein, ein Tier vor allem zu bewahren.
Unser Ziel sollte sein, ihm dabei zu helfen, mit unserer Welt zurechtzukommen.
Dazu gehören neue Erfahrungen, Herausforderungen und manchmal auch ein bisschen Mut.
Aber Mut entsteht nicht dadurch, dass Angst keine Rolle spielen darf.
Mut kann entstehen, wenn ein Tier erlebt:
Ich darf mir etwas anschauen.
Ich bekomme Zeit.
Ich kann Abstand nehmen.
Und mein Mensch merkt, wenn es mir zu viel wird.
Vielleicht müssen unsere Tiere also tatsächlich manchmal „da durch“.
Aber nicht allein.
Nicht um jeden Preis.
Und vor allem nicht mit geschlossenen Augen für das, was sie uns dabei zeigen.