Bevor ein Tier bei uns einzieht, haben wir meistens schon eine Vorstellung davon, wie das gemeinsame Leben aussehen wird.
Der Hund soll uns auf langen Spaziergängen begleiten, mit ins Café kommen und sich über Besuch freuen. Die Katze soll abends neben uns auf dem Sofa liegen, sich gerne streicheln lassen und selbstverständlich problemlos mit der bereits vorhandenen Katze zusammenleben.
Und dann zieht da ein echtes Tier ein.
Eines mit einer eigenen Persönlichkeit, eigenen Bedürfnissen, Erfahrungen, Vorlieben – und Grenzen.
Vielleicht findet der Hund fremde Menschen überhaupt nicht toll. Vielleicht braucht er viel mehr Ruhe, als wir erwartet haben. Vielleicht möchte die Katze zwar gerne in unserer Nähe sein, aber nicht auf unserem Schoß liegen. Oder sie zeigt sehr deutlich, dass sie von einem Artgenossen in ihrem Zuhause wenig begeistert ist.
Plötzlich passt das Tier nicht so ganz zu dem Bild, das wir vorher im Kopf hatten.
Wenn Erwartungen zu Konflikten führen
Viele Schwierigkeiten im Zusammenleben entstehen nicht unbedingt deshalb, weil ein Tier „schwierig“ ist.
Manchmal entsteht das Problem vielmehr in der Lücke zwischen dem Tier, das vor uns steht, und dem Tier, das wir gerne hätten.
Wir versuchen dann, diese Lücke zu schließen.
Der Hund soll lernen, überall mitzukommen. Er soll andere Hunde mögen, Besucher akzeptieren und sich anfassen lassen. Die Katze soll verschmuster werden oder endlich aufhören, sich zurückzuziehen.
Natürlich können Tiere lernen. Und selbstverständlich können wir sie dabei unterstützen, mit bestimmten Situationen besser zurechtzukommen.
Aber nicht alles ist ein Trainingsproblem.
Manches ist Persönlichkeit.
Manches ist ein Bedürfnis.
Und manches ist schlicht eine Grenze, die ein Tier uns zeigt.
Kennen wir unser Tier wirklich?
Eine der spannendsten Fragen im Zusammenleben mit einem Tier lautet deshalb:
Wie wäre mein Hund oder meine Katze, wenn ich einmal all meine Erwartungen beiseiteschieben würde?
Was macht mein Tier wirklich gerne?
Welche Situationen meidet es?
Wann fühlt es sich sicher?
Was überfordert es?
Wie viel Nähe möchte es – und welche Art von Nähe?
Welche Dinge tue ich eigentlich nur deshalb mit meinem Tier, weil ich finde, dass ein Hund oder eine Katze sie können oder mögen sollte?
Die Antworten darauf können überraschend sein.
Akzeptieren bedeutet nicht, alles hinzunehmen
Ein Tier so anzunehmen, wie es ist, bedeutet nicht, unerwünschtes oder problematisches Verhalten einfach laufen zu lassen.
Wenn ein Hund beispielsweise aus Angst nach vorne geht oder eine Katze plötzlich unsauber wird, sollten wir selbstverständlich hinschauen und nach den Ursachen suchen.
Aber es macht einen großen Unterschied, mit welcher Frage wir beginnen.
Nicht:
„Wie bekomme ich dieses Verhalten weg?“
Sondern zunächst:
„Warum zeigt mein Tier dieses Verhalten?“
Und vielleicht sogar:
„Was versucht es mir damit zu sagen?“
Erst wenn wir das verstehen, können wir sinnvoll entscheiden, was unser Tier lernen kann, wobei es Unterstützung braucht – und was wir möglicherweise einfach anders gestalten sollten.
Vielleicht muss nicht immer das Tier sich verändern.
Manchmal besteht die beste Lösung nicht darin, das Tier passend für unser Leben zu machen.
Vielleicht muss der unsichere Hund tatsächlich nicht mit auf jedes Straßenfest.
Vielleicht braucht die Katze einen Rückzugsort, an dem niemand sie streicheln möchte.
Vielleicht ist ein Spaziergang auf einem ruhigen Feldweg für unseren Hund viel wertvoller als die Runde durch die belebte Innenstadt, die wir eigentlich viel interessanter finden.
Und vielleicht liegt genau darin eine der schönsten Seiten des Zusammenlebens mit Tieren.
Wir bekommen nicht immer das Tier, das wir uns vorgestellt haben.
Wir bekommen ein Individuum, das wir kennenlernen dürfen.
Und manchmal beginnt eine richtig gute Beziehung genau in dem Moment, in dem wir aufhören zu fragen:
„Warum bist du nicht so, wie ich dich gerne hätte?“
und stattdessen neugierig werden:
„Wer bist du eigentlich?“