Vestibuläres Syndrom beim Hund – wenn plötzlich alles schief steht
Das vestibuläre Syndrom (VS) gehört zu den Zuständen, die für Hundehalter extrem beängstigend aussehen können. Plötzlich kippt der Hund um, die Augen zucken, der Kopf ist schief – und viele denken sofort an einen Schlaganfall.
Doch: Das Vestibularsyndrom ist in den allermeisten Fällen harmlos, gut behandelbar und kein Grund für Panik.
Und ganz wichtig: Das vestibuläre Syndrom ist KEIN Grund zum Einschläfern.
Was passiert im Körper? (Neurobiologische Erklärung)
Das Vestibularsystem im Innenohr und im Hirnstamm steuert das Gleichgewicht.
Kommt es dort zu einer Reizung, Entzündung oder Störung, senden die Rezeptoren widersprüchliche Signale an das Gehirn – der Körper verliert die Kontrolle über seine Orientierung.
Typische Symptome – und warum es dennoch Ausnahmen gibt
Viele Hunde zeigen Kombinationen aus:
Schiefem Kopf
Nystagmus (schnelles Augenzittern)
Taumeln, Kreislaufen, Umfallen
Übelkeit, Erbrechen
unsicherer Gang, schwankender Stand
starker Schwindel
Wichtig für Halter:
Nicht jeder Hund zeigt alle klassischen Symptome.
Ich kenne aus meiner Arbeit mit Kunden viele Fälle, in denen Tierärzte zunächst nicht direkt ein Vestibularsyndrom diagnostiziert haben, weil einzelne Symptome fehlten oder untypisch waren.
Das ist wichtig zu wissen – denn es zeigt, es gibt immer Ausnahmen, und nicht jeder Verlauf sieht „wie aus dem Lehrbuch“ aus.
Wie gefährlich ist es wirklich?
Das vestibuläre Syndrom wirkt dramatisch, ist aber in den meisten Fällen weder schmerzhaft noch lebensbedrohlich.
Und noch einmal klar und deutlich:
Das Vestibularsyndrom ist KEIN Grund zum Einschläfern.
Selbst schwere Fälle können sich überraschend gut erholen.
Erholung: individuell und sehr unterschiedlich
Die Spanne ist groß, einige Hunde stehen nach 48–72 Stunden schon wieder auf, andere brauchen 2–3 Wochen.
Manche, besonders ältere Hunde, benötigen mehrere Wochen bis Monate, bis das Gleichgewicht wieder vollständig hergestellt ist.
Ein leichter Rest-Schiefkopf kann bleiben – ohne Einschränkung der Lebensqualität.
Tierpsychologische Perspektive: Warum stationäre Aufenthalte oft ungeeignet sind
Viele Hunde mit Vestibularsyndrom sind kognitiv völlig klar, erleben aber starken Kontrollverlust durch den Schwindel.
Deshalb ist die emotionale Sicherheit für die Psyche entscheidend.
In vielen Fällen ist ein stationärer Aufenthalt nicht hilfreich, weil:
-ein fremdes Umfeld Angst verstärkt
-die Reizüberflutung den Schwindel verschlimmern kann
-der Hund soziale Bindung zum Halter braucht, um sich zu beruhigen
-viele Hunde durch Stress schlechter fressen und trinken
Solange kein lebensbedrohlicher Zustand besteht, profitieren Hunde viel mehr von einer ruhigen, vertrauten Umgebung zu Hause.
Behandlung – was Hunden wirklich hilft
In der Praxis haben sich besonders folgende Maßnahmen bewährt:
Akutmedizinisch:
Infusion (gegen Dehydrierung & zur Stabilisierung)
Medikament gegen Schwindel
Medikament gegen Übelkeit
Diese Kombination reicht bei vielen Hunden bereits aus, damit sie wieder stehen, fressen und sich sicherer bewegen.
Langfristig / unterstützend:
Durchblutungsfördernde Medikamente, z. B. zur besseren Versorgung des Innenohrs und des Hirnstamms
(oft als Dauer- oder Intervalltherapie empfohlen)
Was du zu Hause tun kannst
Ruhigen, abgedunkelten Bereich schaffen
Rutschfeste Unterlage
Hund sichern, damit er nicht stürzt
Nähe anbieten, aber nicht aufdrängen
kleine Futterportionen, wenn die Übelkeit nachlässt
Partnersignal: ruhige Stimme, langsame Bewegungen, klare Rituale
Prognose: meistens sehr gut
Die meisten Hunde erholen sich hochgradig oder vollständig.
Geduld ist wichtig – aber die Chancen stehen außerordentlich gut.
einen